Büste zum Gedenken an Prof. Evelinde Trenkner im Kolosseum
Beim Preisträger-Konzert zur Verleihung des Opus Klassik 2019 in der Universität der Künste Berlin konnten - mit Blick auf die zumeist jüngeren Solisten - zwei in rot gekleidete ältere Damen das Publikum gleichermaßen begeistern: das Klavier-Duo Sontraud Speidel und Evelinde Trenkner. Kommunikation, nämlich physisch vereinbarte, war für sie essentiell.Typisch für ihr Menschen zugewandtes Naturell meinte Evelinde Trenkner beim kurzen Live-Interview auf der Bühne, dass sie jetzt mal Schwung in die Bude bringen würden. Was dem Duo en bravura mit dem Brandenburgischen Konzert Nr. 3 von Johann Sebastian Bach, das Max Reger transkribiert hatte, gelang.
Somit sind markante Aspekte der Karriere von Evelinde Trenkner genannt. Geboren 1933 und aufgewachsen in Weimar, war die Tochter des Komponisten Werner Trenkner und der Klavierlehrerin Lotte Trenkner als Wunderkind schon mit sechs Jahren öffentlich präsent, als sie das Klavierkonzert C-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart mit der Staatskapelle Weimar unter der Leitung von Wolfgang Abendroth aufführte. Da die Familie im gleichen Haus wie die Witwe von Max Reger wohnte, lernte Evelinde Trenkner dessen Repertoire ausgiebig kennen und musste es oft bei privaten Teestunden spielen. Neben den klassischen Standards hatte sie außerdem zeitlebens Interesse an Interpretationen von Werken nonkonformer Komponisten wie Ferruccio Busoni oder Elliot Carter, die mit vielen Schallplatten dokumentiert sind. Studien bei den Star-Pianisten Walter Gieseking und Wilhelm Kempff gaben genügend Rückhalt, um als Solistin bei Tourneen in fast allen Kontinenten zu bestehen.
Nach der Heirat mit dem Juristen Hermann Boie, der ihre künstlerischen Aktivitäten als Manager und Moderator unterstützte, wurde Evelinde Trenkner in Lübeck sesshaft. Sie war ab 1970 in der schleswig-holsteinischen Musikakademie angestellt und wurde 1985 zur Professorin an die Musikhochschule Lübeck berufen, wo sie, über ihre Pensionierung 1998 hinaus, bis 2007 als Lehrbeauftragte unterrichtete. Parallel zu diesen beruflichen Verpflichtungen gründete Evelinde Trenkner mit ihrem Ehemann die Xaver & Philip Scharwenka Gesellschaft e. V. (1988) mit der Aufgabe, das vernachlässigte oder gar vergessene Repertoire dieser Komponistenbrüder und anderer ihrer Zeitgenossen zu rehabilitieren, und wenig später (1990) das Internationale Lübecker Kammermusikfest, dessen Programme eben diesen Klängen der Kaiserzeit (1870-1918) gewidmet waren.
Das Internationale Kammermusikfest Lübeck war in knapp dreißig Jahren zu einem herausragenden Periodikum geworden, bei dem, immer zum Himmelfahrtwochenende, exquisite Konzerte (Beginn: 19:30, sehr präcise) im Kolosseum präsentiert worden waren. Zugleich war es ein Forum für Raritäten, Weltstars, das „Duo symphonique“ Trenkner / Speidel und die Förderung junger Musiker.
Für ihr Engagement, nicht nur die Musik der Brüder Scharwenka wieder öffentlich zu präsentieren, sondern auch das Komponierhaus von Xaver Scharwenka in Bad Saarow (nahe Frankfurt / Oder) zum bisher einzigen Komponistenmuseum und Kulturzentrum in Brandenburg umzugestalten, wurde Evelinde Trenkner 2003 in die Classical Hall Of Fame aufgenommen und mit dem Bundesverdienstkreuz 2013 ausgezeichnet. Nachdem Prof. Evelinde Trenkner am 22. November 2021 gestorben war, wurde am 13. Februar 2023 zu ihrem Gedenken eine Büste, gestiftet von ihrem ehemaligen Studenten Dr. Bauyrschan Baibek, im Kolosseum aufgestellt.
Hans-Dieter Grünefeld
